29 März 2006

I never promised you a Rostbraten

Sehr frei nach den Motiven des sensationellen Tagesspiegel-Wortspiels, bei dem es darum geht, aus 4 vorgegebenen Begriffen auf die Schnelle eine Top-Story zu zimmern, ist der hierundheutige Artikel aus den Elementen der letzten Tage geklöppelt:

Eine Überdosis Klerikales, verbunden mit Klavierspiel und süddeutschen Köstlichkeiten.

März vor ein paar Jahren. Wir befinden uns in der allertiefsten schwäbischen Provinz, in der Gegend, die sie Ostalb nennen. Autokennzeichen AA für Aalen, gern verwechselt mit Aachen (AC). Dort (in AA, nicht in AC, obwohl das für ihn als Niederländer deutlich günstiger läge) konzertiert Hans Liberg, der mehr als unterhaltsame Klavier-Komödiant. Im Zusammenhang mit einem SowiesonachStuttgartmüssen-Termin ein guter Grund für einen Ausflug in diese Gegend, in die man als Auswärtiger vermutlich noch maximal wegen der Carl-Zeiss-Werke kommt.

Im knautschigen kleinen Landhotel mit hauseigener Spätzle von Hand schabender Schwiegeroma fragt der Besitzer morgens beim Check-out nicht ohne Stolz, ob man denn schon die nahegelegene Abtei Neresheim besichtigt habe ("da war erscht letschte Woch' ein Kunschthischtoriker aus Italien bei ons"). Wasser auf k.e.s Barockschwäche-Mühlen! Also hin.

Die Anlage ist überraschend groß (wenn auch nicht annähernd so wie Freising neulich), mit angeschlossenem Gutsbetrieb. Von Betrieb kann aber keine Rede sein. Es ist früher Mittag und kein Mensch zu sehen, nur in der (tatsächlich weltberühmten) Balthasar-Neumann*-Kirche ein versprengtes Besichtigerpaar. Klösterliche Ruhe sozusagen. Himmlisch. *Der Herr vom 50DM-Schein

Die ganze verschlafene Dornröschen-Stimmung lässt nicht vermuten, dass der als Restaurant beschilderte Klosterkeller außerhalb der Saison geöffnet hat, doch genau das ist der Fall. Und so stehe ich als Einzige in einem riesigen Speisesaal mit schönem Gewölbe und, naja, freundlich formuliert: zweckmäßiger Einrichtung. Nachdem strahlend eine sehr herzliche Servicedame (die hier sicher noch Fräulein genannt wird und auch so aussieht, als ob sie damit einverstanden ist) auftaucht und fragt, ob ich essen wolle, ist die Entscheidung dann doch getroffen. Bleiben.

Auf der Speisekarte, Überschrift Ein Betrieb der Erzdiözese Rottenburg-Stuttgart, findet sich neben dem allgemeinen Teil eine Wochenempfehlung: Montag Schnitzel Wiener Art, Dienstag Gulasch, Mittwoch Ochsenbraten, Donnerstag Schwäbischer Zwiebelrostbraten ... Irgendwie pikant, denn es ist Fastenzeit. Soll da nicht der fromme Katholik auf Fleisch verzichten?

Das freundliche Bedienungsfräulein, aus Neugier darauf angesprochen, meint: "Ja wissen Sie, das wird heute nicht mehr so streng genommen. Und die Leut' wollen halt Fleisch bestellen, es kommt ja auch direkt von hier." Dann - wir sind immer noch weit und breit die einzigen in dem Riesensaal - beugt sie sich verschwörerisch vor und flüstert fast, halb ehrfürchtig halb entrüstet:
"Neulich war sogar der Bischof da, und der hat auch Braten gegessen, am Tag nach Aschermittwoch!".


Sie servieren dort übrigens einen sehr sehr anständigen Trollinger. Erfahrungsgemäß wahrscheinlich noch seltener zu finden als vorschriftsmäßig fastende Schäfchen Roms.

10 Zweitstimme(n):

29/3/06 01:29, Anonymous Rabe schreibt:

Das ist ja unerhört, dieses Lotterleben der frommen Katholiken in der Fastenzeit. Bei aller Empörung macht es sie aber gleich wieder ein Stück sympathischer ;-)

 
29/3/06 09:04, Blogger Pe Pe schreibt:

Für die armen Fehlgeleiteten habe ich sofort drei Rosenkränze und vier Ave Maria gebetet.
Sogar der Bischof ... *kopfschüttel*

 
29/3/06 09:31, Anonymous Anonym schreibt:

wenn der vatikan das liest ..

 
29/3/06 09:32, Blogger Oles wirre Welt schreibt:

I beg you pardon... damit hatte ich nicht gerechnet, hat mich aber auf den Geschmack gebracht. Fast so aufregend verboten wie die Mossad-Machenschaften bei den Oberammergauer Festspielen und im Kloster Ettal in Erich Follaths respektablem "Wer erschoss Jesus Christus?"-Krimi. :)

 
29/3/06 10:04, Blogger abundzu schreibt:

Tolle Tagespiegel online-Geschichten, toller Tipp !

 
29/3/06 15:40, Blogger Lundi schreibt:

Der lockere Umgang mit den eigenen Regeln und ihr bewusstes Übertreten für mehr Lebensfreude macht den ländlichen Katholizismus eigentlich zu einer sehr sympathischen Religion (wenn man mal von den grundsätzlichen Vorbehalten absieht).

 
29/3/06 18:34, Anonymous french kiss schreibt:

Frau Einzelfall, ich spreche Ihnen mein Lob aus zu dieser gelungenen Begriffs-Flickenteppich-Anekdote ! :-) Außerdem haben Sie mich damit an meine Grundschulzeit erinnert, und das allein ist ein Verdienst. Wir mussten früher auch Aufsätze schreiben zu drei Zufallsbegriffen, die unsere Lehrerin an die Tafel geschrieben hatte.
Heute zwingt mich leider niemand mehr zu einer solchen Übung. :-(

 
29/3/06 18:46, Blogger kein einzelfall schreibt:

@rabe: Frau Rabe, Sie sagen es. Wahrscheinlich reden sich die Betreffenden mit Teresa von Avila heraus: "Tue deinem Leib Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen" (heute auf einer Dinkelmüeslipackung gelesen, schön gefunden).
@pe_pe: Mehr als vorbildlich! Da dürfte sich in pepes welt demnächst öfter Besuch aus .va einfinden ;)
@anonym: Der wird entzückt sein ob solcher Kommentare wie von pe_pe.
@ole: Along with the sunshine, there`s gotta be a little rain sometimes .. In klösterliche Schießereien sollte es freilich nicht ausarten.
@abundzu: Nicht? Noch eine prima Leseadresse mehr *fastseufz*
@lundi: You name it. Mit einer ordentlichen Portion weltlicher Freude kommt so eine Religioin doch gleich viel freundlicher daher.

 
29/3/06 18:50, Blogger kein einzelfall schreibt:

Liebe frenchkiss, schönen Dank. Ich bin sicher, es fänden sich nicht Wenige, die Ihnen begeistert Worte zu Füßen legen würden, auf dass Sie improvisieren ... Eine angenehm kreativsinnige Schule scheinen Sie übrigens besucht zu haben.

 
30/3/06 07:52, Anonymous french kiss schreibt:

@k.e. : Oh, meine Grundschule war klasse ! Ganz große Klasse war vor allem unsere Lehrerin, die es schaffte, zwischen Deutschen, Franzosen, Elfenbeinküstenafrikanern, Türken, Serben, Kroaten und Dreadlockträgern (keine Ahnung woher die kamen) ein richtiges Wir-Gefühl herzustellen, komplett mit Europafest und allem ...wenige Jahre meines Lebens waren so prägend und haben heute noch solche Leuchtkraft wie die kurzen vier Jahre in dieser granitrosafarbenen Grundschule.

 

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