22 Juli 2006

Die Großloge und der weiße Nebel wunderbar

Grün sich schlängelnde Landstraßen führen zuerst noch vorbei an Orten mit Namen wie Eisgarn, Rappottenstein oder Altmelon, dann an vereinzelten Gehöften und schließlich nur noch kilometerlang durch die Botanik. Am Ende dann eine winklige Allee aus uralten Erlen, die direkt auf das Ziel steuert: Das Hotel ist erreicht.
Gerade rechtzeitig, denn es hat sich ein Mörder-Gewitter zusammengebraut, das just in dem Moment losbricht, als die Pforte erreicht ist. Filmreif. Blitze und klappernde Türen wie bei Edgar Wallace.

Unbesetzt die kleine Rezeption, aber im kleinen Büro nebenan wird telefoniert - zu hören ist die Stimme eines älteren Herrn:
"Das sind dreitausend Euro, nicht? Und dann kommen noch zweimal ochthundert dazu. Dann nochamol zweitausendfünfhundert, da sind wir dann schon bei fast neuntausend ... - Songns, Herr Doktor, kann das nicht die Großloge übernehmen?"

So hat sich schon beim Einchecken Österreichs gottvergessenste, als mystisch geltende Gegend - das Waldviertel - alle Ehre gemacht: das Hotel ist ein schlichtes kleines, wunderbar unschnörkeliges Freimaurer-Schloss. Allerspätestens, als wenige Stunden später ein Pracht-Mond über den Wipfeln aufsteigt, über weiß dunstverschleierten Wiesen scheint, in denen wirklich jeden Moment Elfen auftauchen könnten, Fledermäuse und eine leibhaftige Eule vor ihm vorbeifliegen und die Steinstatuen am Treppenaufgang blaugraue Schatten werfen, ist der Zauber vollkommen.

Nur zwei Tage, quasi zum Chill-out und Ferienauftakt, dort geblieben, aber die Zeit hat stillgestanden wie für zwei Wochen, und es wäre überhaupt kein Wunder, wenn Matthias Claudius sein Abendlied dort gedichtet hätte.

3 Zweitstimme(n):

22/7/06 22:59, Blogger undundund schreibt:

Altmelon. Das kommt mir bekannt vor. Höchstwahrscheinlich in einer der letzten Leben dort gewesen. Beweis: vor Hochachtung wird in Großbuchstaben geschrieben.

 
23/7/06 04:16, Anonymous Opa schreibt:

Die großen Buchstaben des Herrn Kollegen machen mich etwas neidisch, das habe ich noch nie geschafft.

Aber er hat schon recht, der Bericht hat Größe und verliert nicht einmal durch die zitierte Erhabenheitslyrik.

Jetzt weiß ich auch endlich, von wem Herr Winkel sein MC ableitet.

Mich selbst erinnert Ihr jüngstes Produkt an ein früheres leben als freier Maurerlehrling, für einen Logenplatz im Kino hats allerdings nie gereicht.

 
23/7/06 13:27, Blogger kein einzelfall schreibt:

@undundund: umgekehrt wertschätzung entbietend kleine buchstaben.

"altmelon" könnte in der tat auf eine vergangene reise hindeuten - z.b. durch europa während der napoleonischen kriege, und der grenzposten fordert zum stoppen auf. nachdem reinkarnation z.zt. en vogue ist, sollten sie eine historische autobiographie erwägen.

@maurischer opa: Berlin zeigt doch immer Größe, so oder so, ist es nicht?

Und ohne Logenplatz weit übers Gesellentum zu Selbsterkenntnis gekommen zu sein, wird Ihnen jeder bestätigen, der des neobazischen Archivlesens kundig ist. :)

(Den MC würde Herr Winkel gemutmaßt als too old school ablehnen?!?)

 

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